Gi oder No-Gi – Was ist der Unterschied im Brazilian Jiu-Jitsu?
Brazilian Jiu-Jitsu wird sowohl mit dem Gi als auch ohne Gi (No-Gi) trainiert. Die Grundlagen sind dieselben, trotzdem unterscheiden sich beide Trainingsformen in Griffen, Tempo und technischen Möglichkeiten.
Wer sich zum ersten Mal mit Brazilian Jiu-Jitsu beschäftigt, stößt schnell auf zwei Begriffe: Gi und No-Gi.
Beim Gi wird in einem BJJ-Anzug ähnlich dem im Judo trainiert. Beim No-Gi trägt man üblicherweise Rashguard und Grappling-Shorts. Auf den ersten Blick scheint der Unterschied also hauptsächlich in der Kleidung zu liegen.
Tatsächlich beeinflusst die Kleidung aber unmittelbar, welche Griffe und Techniken möglich sind. Dadurch können sich Gi und No-Gi trotz gemeinsamer Grundlagen teilweise deutlich unterschiedlich entwickeln.
Was bedeutet Gi im Brazilian Jiu-Jitsu?
Der Gi ist der traditionelle Trainingsanzug im Brazilian Jiu-Jitsu. Er besteht aus einer robusten Jacke, einer Hose und dem Gürtel entsprechend der jeweiligen Graduierung.
Seine Ursprünge liegen in den japanischen Kampfkünsten und insbesondere im Judo, aus dem sich Brazilian Jiu-Jitsu historisch maßgeblich entwickelt hat.
Der entscheidende Punkt ist allerdings nicht das Aussehen des Gi, sondern seine Funktion im Training.
Jacke und Hose können gegriffen werden. Ärmel, Kragen, Revers und Hosenbeine bieten dadurch zahlreiche zusätzliche Möglichkeiten, einen Trainingspartner zu kontrollieren.
Das macht den Gi selbst zu einem Bestandteil der Technik.
Was bedeutet No-Gi?
Beim No-Gi BJJ wird ohne den traditionellen Trainingsanzug trainiert.
Üblicherweise trägt man einen eng anliegenden Rashguard und Grappling-Shorts. Da die Kleidung nicht zum Festhalten genutzt werden kann, verändert sich die Art der Kontrolle.
Statt Ärmel oder Kragen zu greifen, arbeitet man beispielsweise stärker mit direkter Körperkontrolle, Underhooks, Overhooks, Wrist Control oder der Position des eigenen Kopfes.
Viele grundlegende Positionen bleiben dabei dieselben. Eine Mount ist weiterhin eine Mount, eine Guard weiterhin eine Guard und auch grundlegende Prinzipien wie Kontrolle, Frames oder Gewichtsverteilung verändern sich nicht grundsätzlich.
Die Art und Weise, wie diese Positionen hergestellt und kontrolliert werden, kann sich jedoch unterscheiden.
Der größte Unterschied: die Griffe
Die wohl offensichtlichste technische Differenz zwischen Gi und No-Gi sind die verfügbaren Griffe.
Im Gi kann die Kleidung des Trainingspartners aktiv genutzt werden.
Ein Griff am Ärmel kann beispielsweise verhindern, dass der Partner seinen Arm frei bewegt. Ein Griff am Kragen kann zur Kontrolle oder zur Vorbereitung einer Würgetechnik genutzt werden. Auch das Revers selbst kann in verschiedene Techniken eingebunden werden.
Dadurch entstehen komplette technische Systeme, die ausschließlich mit Gi funktionieren.
Im No-Gi fallen diese Möglichkeiten weg.
Kontrolle muss stärker direkt über den Körper hergestellt werden. Arme, Handgelenke, Kopf, Hüfte und Beine des Partners werden unmittelbar kontrolliert.
Das führt dazu, dass sich viele bekannte Positionen technisch etwas anders anfühlen.
Ist No-Gi schneller als Gi?
No-Gi wird häufig als dynamischer wahrgenommen.
Ein Grund dafür ist relativ einfach: Ohne die zahlreichen Griffe am Gi ist es häufig schwieriger, einen Trainingspartner über längere Zeit an einer bestimmten Position festzuhalten.
Hinzu kommt, dass Rashguards und Schweiß während des Trainings weniger Reibung erzeugen als ein Gi.
Dadurch können Bewegungen, Positionswechsel und sogenannte Scrambles häufiger auftreten.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Gi grundsätzlich langsam und No-Gi grundsätzlich schnell ist. Das tatsächliche Tempo hängt stark vom Trainingsstil und den beteiligten Personen ab.
Die unterschiedlichen Möglichkeiten zur Kontrolle beeinflussen aber durchaus die Dynamik beider Varianten.
Welche Rolle spielt Wrestling im No-Gi?
Im modernen No-Gi BJJ haben Techniken und Konzepte aus dem Wrestling einen großen Einfluss.
Das zeigt sich insbesondere im Standkampf.
Single Legs, Double Legs, Body Locks und andere Takedowns sind wichtige Bestandteile vieler No-Gi-Systeme. Auch bei Scrambles und beim Kontrollieren eines Gegners spielen Wrestling-Konzepte eine große Rolle.
Diese Techniken können selbstverständlich auch im Gi eingesetzt werden.
Durch das Fehlen von Gi-Griffen entstehen im No-Gi allerdings Situationen, in denen direkte Körperkontrolle und Wrestling-Techniken besonders gut ineinandergreifen.
Die Grenzen zwischen No-Gi BJJ, Submission Grappling und Wrestling können deshalb teilweise fließend sein.
Gibt es Techniken, die nur im Gi funktionieren?
Ja.
Da die Kleidung im Gi aktiv genutzt werden darf, gibt es zahlreiche Techniken, die ohne Gi nicht möglich wären.
Dazu gehören beispielsweise verschiedene:
- Collar Chokes
- Lapel Chokes
- Gi-basierte Guards
- Sleeve-Grips
- Lapel-Controls
Im No-Gi existieren diese Griffmöglichkeiten nicht.
Dafür können dort andere technische Bereiche stärker in den Vordergrund treten. Dazu gehören beispielsweise direkte Körperkontrolle, Wrestling und – abhängig vom jeweiligen Regelwerk – verschiedene Leg-Lock-Systeme.
Die beiden Varianten entwickeln dadurch teilweise eigene technische Schwerpunkte.
Ist No-Gi dasselbe wie Grappling?
Nicht ganz.
Grappling ist ein Oberbegriff für Kampfsportarten und Trainingsformen, bei denen Greifen, Würfe, Kontrolle und Bodenkampf im Mittelpunkt stehen.
No-Gi BJJ gehört damit zum Grappling.
Der Begriff „Grappling“ kann allerdings auch andere Einflüsse umfassen, beispielsweise Wrestling, Judo oder verschiedene Formen des Submission Grapplings wie Catch Wrestling o.ä.
Im modernen Sprachgebrauch werden No-Gi BJJ und Submission Grappling teilweise nahezu synonym verwendet. Je nach Regelwerk und Trainingssystem können jedoch Unterschiede bestehen.
Was ist technisch anspruchsvoller – Gi oder No-Gi?
Diese Frage lässt sich nicht sinnvoll pauschal beantworten.
Im Gi entsteht durch die große Anzahl möglicher Griffe eine enorme technische Vielfalt. Unterschiedliche Guards, Grip-Systeme und Techniken mit Kragen oder Revers erweitern die möglichen Situationen erheblich.
No-Gi reduziert zwar diese Griffmöglichkeiten, stellt dafür andere Anforderungen an Kontrolle, Timing und Bewegung. Positionen können teilweise schwieriger zu stabilisieren sein und Übergänge erfolgen häufig schneller.
Beide Varianten sind deshalb technisch anspruchsvoll – lediglich auf unterschiedliche Weise.
Sollte man als Anfänger mit Gi oder No-Gi beginnen?
Grundsätzlich kann man mit beiden Varianten beginnen.
Die grundlegenden Prinzipien des Brazilian Jiu-Jitsu lassen sich sowohl im Gi als auch im No-Gi erlernen.
Ein Anfänger muss deshalb nicht zunächst mehrere Monate Gi trainieren, bevor er No-Gi ausprobieren darf – genauso wenig muss man sich dauerhaft für eine der beiden Varianten entscheiden. Wer die Möglichkeit hat, beides zu trainieren, kann sogar davon profitieren.
Im Gi lernt man beispielsweise sehr detailliert mit Griffen und Kontrolle zu arbeiten. No-Gi kann wiederum dazu zwingen, stärker auf direkte Körperkontrolle, Positionierung und Bewegung zu achten.
Wir raten unseren Schülern immer beides zu trainieren, für Anfänger kann es jedoch oft Sinn machen etwas mehr im Gi zu trainieren. Der Gi macht Kämpfe oft etwas langsamer und durch die höhere Reibung durch den Stoff ist es schwieriger sich aus bestimmten Positionen zu befreien, dies sorgt dafür, dass man um einiges technischer arbeiten muss. Im No-Gi spielt dagegen Physis eine größere Rolle.
Stark vereinfacht könnte man sagen: Im Gi lernt man Technik & Defensive, im No-Gi lernt man Timing & Offensive.
Muss ich mich zwischen Gi und No-Gi entscheiden?
Nein.
Natürlich gibt es Sportler, die eine klare Präferenz entwickeln oder sich für Wettkämpfe auf eine bestimmte Variante spezialisieren.
Für die meisten Menschen spricht jedoch nichts dagegen, Gi und No-Gi parallel zu trainieren.
Beide Varianten basieren auf denselben grundlegenden Prinzipien des Brazilian Jiu-Jitsu und können sich technisch sehr gut ergänzen.
Welche Variante einem persönlich besser gefällt, lässt sich ohnehin am besten auf der Matte herausfinden.
Gi und No-Gi BJJ bei Illuminate Jiu-Jitsu in Regensburg
Bei Illuminate Jiu-Jitsu trainieren wir Brazilian Jiu-Jitsu sowohl mit Gi als auch im No-Gi.
Uns ist wichtig, BJJ nicht als Sammlung voneinander isolierter Techniken zu vermitteln. Grundlegende Prinzipien wie Positionierung, Kontrolle, Bewegung und das Arbeiten gegen aktiven Widerstand stehen unabhängig von der Kleidung im Mittelpunkt.
Gleichzeitig behandeln wir die technischen Besonderheiten beider Varianten.
Dadurch können Mitglieder sowohl die unterschiedlichen Grip-Systeme des Gi kennenlernen als auch die direktere Körperkontrolle und Dynamik des No-Gi entwickeln.
Fazit: Gi oder No-Gi?
Gi und No-Gi sind zwei unterschiedliche Formen des Brazilian Jiu-Jitsu.
Der Gi ermöglicht zusätzliche Griffe und damit zahlreiche Techniken, die ohne den traditionellen Trainingsanzug nicht möglich wären. Im No-Gi muss Kontrolle dagegen stärker direkt über den Körper hergestellt werden. Das beeinflusst Dynamik, Griffsysteme und teilweise auch die technischen Schwerpunkte.
Eine Variante ist deshalb nicht grundsätzlich besser als die andere.
Gi und No-Gi teilen dieselben Grundlagen, stellen aber unterschiedliche Anforderungen an die Anwendung dieser Grundlagen.
Gerade deshalb kann es sinnvoll sein, beide Varianten zu trainieren.
